Mittwoch, 30. Januar 2013

[Rezi] Das Karussell

Autor: Klaus Kordon
Titel: Das Karussell
Genre: Roman, Geschichte
 Verlag: Beltz & Gelberg (Weinheim)
 Erscheinungsjahr: 2012
Seiten: 454 S
ISBN: 978-3-407-81114-1

"Betten, nichts als weiß lackierte, schon ein wenig abgestoßene, metallene Anstaltsbetten."
(1. Satz)

Persönliche Zusammenfassung:
Es sind die 1920er, gerade ist der erste Weltkrieg beendet und die Menschen in Deutschland atmen wieder auf, da beginnt auch die Geschichte von Lisa und Bertie.
Zwei Kinder, die in völlig verschiedenen Welten heranwachsen. Bertie, der im Waisenhaus aufwächst und sich durchs Leben schlägt, doch eigentlich nur die Liebe seiner Mutter spüren möchte; und Lisa, die von klein auf als Serviermädchen arbeitet. In ihrer beider schwersten Stunden treffen sie aufeinander und eine zarte Liebe erblüht, überschattet vom 2. Weltkrieg.

"Trotz allem Grau, trotz all dieses Elends aber verspürte sie in jenen ersten Nachkriegswochen auch eine große Erleichterung. Endlich keine Bomber mehr, keine Nächte im Luftschutzkeller und keine Todesnachrichten oder Vermisstenmeldungen von der Front."
(S. 414, Absatz 4) 

Rezension/Meinung 
Klaus Kordon hat es mit diesem Buch geschafft mir als Leserin die Ängste, Bedrohungen und Leben der Deutschen zwischen den 1920er und 1940er nahe zu bringen. 
Wer dieses Buch in der Annahme einer atemberaubenden Liebesgeschichte gewählt hat, wird sicherlich verwundert sein. In Zeiten des Krieges wurde das Wort „Liebe“ etwas anders gehandhabt als wir dies heute tun können. 

Die Geschichte ist aus beiderlei Perspektiven geschrieben. 
Bertie berichtet von seinem Leben in einem Waisenhaus, welche Ängste er ausstehen musste und welche Hoffnungen auf eine Zusammenführung mit seiner Mutter in ihm brodelten. Doch nie erfüllt bemerkt man wie sich die Hoffnung immer mehr in Wut verwandelt. Die strenge Hand des Paters und die Abenteuer mit seinem besten Freund fehlen genauso wenig, wie die Beschreibungen darüber, nichts wert zu sein. Ein bisschen erinnert der Anfang daher an die Abenteuer des Huckleberry Finn. 

Auf der anderen Seite erfährt man wie Lisa mit ihrer Familie einen gewagten Schritt geht und die Mutter eine Schänke eröffnet. Ihr Alltag geprägt von betrunkenen Männern ändert sich in der Zeit kaum, doch hat dieses junge Mädchen Träume. Große Träume, die bald immer mehr Formen annehmen. 

Voneinander getrennt gehen die beiden ihre Wege, bis sie beide Mitte zwanzig sind. In diesen Jahren führen sie mehrere Schicksalsschläge zusammen und bereiten beiden eine tiefe Liebe. Doch schon bald wird diese auf die harte Probe gestellt: Bertie wird eingezogen und soll im Krieg gegen die Russen Deutschland verteidigen. 
Während Bertie um sein Überleben kämpft und nur zurück nach Hause will, quälen Lisa die Ängste, dass er nicht mehr zurückkommen wird. 

Kordon beschreibt so eindringlich die Erlebnisse und Geschehnisse dieser Zeit, dass man fast meint dabei gewesen zu sein. Seine bildlichen Darstellungen machen es einfach sich die Kneipe und die Menschen vorzustellen und es scheint als würden diese Menschen, voller Angst in den Augen, verschlissenen Kleidungsstücken und harten Zügen um den Mund vor einem stehen. 
Sicherlich spielen auch die Gefühle zwischen Bertie und Lisa eine große Rolle und so ist es auch eine Liebesgeschichte, doch mehr noch ist dieses Buch ein Zeitzeugnis. 
Es beinhaltet Beschreibungen der grausamen Taten und derer die sie ausführen mussten. Ich selbst bin lange nach dieser Zeit geboren, habe mich aber immer sehr für diesen Teil unserer Geschichte interessiert. Voller Unverständnis dafür, was die Menschen taten ohne mit der Wimper zu zucken. Und auch wenn es noch immer unbegreiflich scheint, bringt dieses Buch einen dazu, sich in die Lage der Menschen zu versetzten und zumindest einen kleinen Deut davon zu bekommen, was damals passiert ist. 

Ein Buch über die damaligen Verpflichtungen und Verbindlichkeiten, eine Geschichte über Krieg und Liebe und eine Familiengeschichte, die ans Herz geht. 
Bedrückend und berührend zugleich, möchte man mit in der Gaststube sitzen und tanzen, als endlich die letzten Gewehrsalven verstummen. 

Eine schöne Geschichte, die niemanden kalt zurück lässt und ein Stück Geschichte in jedem erweckt.


Der Autor:
Klaus Kordon wurde 1943 im Berliner Nordosten geboren.
Der Vater blieb im Krieg, die Mutter starb 1956. Er kam ins Kinderheim, später ins Jugendheim. Er studierte Volkswirtschaft. Nach einem Jahr politischer Haft in der DDR zog er in die BRD. Heute lebt er in Berlin.
 
Weitere Bücher:
  • Hundert Jahre und ein Sommer (2011)
  • Auf der Sonnenseite (2008)
  • Krokodil im Nacken (2003)
  • Der erste Frühling (2002)
  • Mit dem Rücken zur Wand (2002) 
  • ...
Quelle: Bild und Vita von der Verlagshompage.

Kommentare:

  1. Wow! Eine wunderschöne Rezension. Das Buch möchte ich auch schon seit einiger Zeit lesen und werde das nun auf jeden Fall ganz bald machen. Es klingt einfach wundervoll und nach meinem Geschmack. Danke dafür! :)

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  2. Toll!! :) Ich habe Klaus Kordon als Kind geliebt, auch wenn ich seine Bücher schrecklich traurig fand. Wusste garnicht, dass er noch so aktiv schreibt! Danke für die tolle Rezension!! :)

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  3. Kannst du bitte auch eine Charakterisierung zu Bertie machen ?

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