Montag, 4. Juni 2012

[Rezi] Hoffnungslauf

Autor: Aysun Ertan
Titel: Hoffnungslauf
Genre:
Roman
Verlag: backbone
Erscheinungsjahr: 2011
Seiten: 171 S.
ISBN:
978-3000347078

"Als mein Körper auf den nassen, kalten Boden aufprallte, hat es überhaupt nicht wehgetan."
(1. Satz)

Rezension:
In der Blüte ihres Lebens bleibt einer Frau kein anderer Ausweg, als sich aus dem 28. Stockwerk eines Hochhauses zu stürzen und zerschmettert am Boden noch einen Wimpernaufschlag ihrer Vergangenheit und ihrem Leben nachzusinnen, das alles andere als positiv verlief… 

"Beschämt durch die mitgebrachte große Last ließ ich vieles zu und so gerieten alle Gewichte erneut ins Wanken. Dann kam sie. Die Frau, die mich lehrte, dass Vertragen nicht von Ertragen kommt. Die Frau, die der Ansicht war, dass ich für meine Rechte kämpfen müsse. Mit ihren Worten sollte ganz langsam mein Aufbruch beginnen - bis zu jenem Tag, an dem ich abstürzen sollte, von ganz oben nach ganz unten."
(S. 132, Zeile 25 - 32)

Was bringt einen Menschen dazu, achtundzwanzig Stockwerke zu erklimmen um sich dann von diesem Punkt in die Tiefe und somit in den Tod zu stürzen? 
Dies beschreibt Aysun Ertan in „Hoffnungslauf“. Der 1. Stock ist gleichbedeutend mit den ersten Lebensjahren und den Geschehnissen derer. Je höher die Geschichte im Stockwerk aufsteigt, desto älter wird die Hauptfigur.
Zu Beginn noch in naiver Kindlichkeit, berichtet sie stockend und auch fragend von ihrem Leben bei ihrer Großmutter und die Abneigung die ihre wahren Eltern ihr gegenüber empfanden und gezeigt haben. Schnörkellos beschreibt sie ihre karge Umgebung und weist auf, wie schwer es für sie war in ein fremdes Land zu kommen, ohne die Sprache zu können. Immer wieder werden Anspielungen zu diesem Land gemacht, doch keine genau Bezeichnung. Dennoch weiß der Leser schnell welches gemeint ist. 
Es ist bedrückend mit jedem weiteren Kapitel zu erfahren, was dem Mädchen, bis zur Jugendlichen und jungen Frau alles wiederfährt. Ihr Leben wird so beschrieben, dass man oft nur den Kopf schütteln kann, denn so viele negative Erlebnisse wie sie gemacht hat, kann ein einzelner Mensch nicht leicht ertragen. 
Das Buch ist sehr dünn und dennoch mit so vielen Gefühlen vollgepackt, dass man meint einen ganzen Roman von fünfhundert Seiten vor sich zu haben. Dass die Welt eines so jungen Menschen, so viel Ablehnung und Niederlagen zu ertragen hat, macht aber auch Mut, denn zum Ende hin wird klar, dass das Ende des Buches ein ganz anderes ist als der Anfang. 
Denn als Hoffnungsläuferin gibt man alles andere als auf. 
Eine tolle Beweisführung über die Schönheit des Lebens, die man trotz vieler negativer Erfahrungen finden kann. 
Traurig, kurz und intensiv, verleitet es am Ende zu einem wärmenden Lächeln. Sehr empfehlenswert für jede Art von Leser.


Vielen Dank für den Gewinn an lovelybooks und backbone.

Die Autorin:
Aysun Ertan (geboren 1966 in Frankfurt am Main) ist eine deutsch-türkische Journalistin, vereidigte Übersetzerin und staatlich anerkannte Psychologische Beraterin. Als Redakteurin arbeitete sie fast 20 Jahre für einen Zeitungsverlag in Frankfurt am Main. Während dieser Zeit gewann sie zwei journalistische Auszeichnungen. Nach dem Jahre 2000 arbeitete sie als freie Journalistin, Fotografin und Werbetexterin für namhafte deutsche Agenturen und Verlage. Nach drei türkischsprachigen Gedichtsbüchern sowie Buch-Übersetzungen ist Hoffnungslauf das deutschprachige Erstlingswerk der Autorin. Aysun Ertan lebt in der Nähe von Frankfurt am Main und ist Mutter eines Sohnes. 


1 Kommentar:

  1. Ein sehr schönes Buch.
    Übrigens das Zitat, das Du ausgewählt hast... das war auch eine schlimme Zeit mit dieser Frau... aber... ich will hier nichts verraten!
    Dieses Buch werde ich lange in Erinnerung haben!

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