Donnerstag, 18. Juli 2013

[Rezi] Ein letzter Sommer

Autor: Steve Tesich
Titel: Ein letzter Sommer
Originaltitel: Summer Crossing
Genre: Roman
Verlag: Kein & Aber (Berlin)
 Erscheinungsjahr: 2005
Seiten: 496 S.
ISBN: 978-3-0369-5137-9

"Er hieß Presley Bivens."
(1. Satz)

Persönliche Zusammenfassung:
Daniel steht kurz vor seinem High School Abschluss. Doch auch wenn dieser immer näher rückt, weiß er nicht was er danach machen soll. Am liebsten würde er East Chicago verlassen, andererseits gibt es auch schlimmere Orte als diesen. Eines Abends begegnet er Rachel. Mit ihrem Vater bezieht sie ein leerstehendes Haus an der Aberdeen Lane und fortan zieht es ihn immer wieder zu diesem Ort. Daniel verliebt sich in Rachel und auch wenn sie gerne mit ihm zusammen zu sein scheint, spricht sie nie wirklich über ihre Gefühle und zieht sich schnell zurück. David macht es sich zur Aufgabe ihr näher zu kommen. Dieser Sommer aber hält nicht nur schöne Momente bereit… 

Rezension/Meinung:
In „Ein letzter Sommer“ beschrieb Steve Tesich seinerzeit wie ein junger Amerikaner sich dem Erwachsenwerden stellt und die Hürden des Alltags versucht zu meistern. Dabei hat er die verschiedensten Elemente einfließen lassen, viele Figuren erschaffen, Leid geprüfte Situationen entworfen, aber auch das Glück mit seinen Worten übertragen. Dieser Roman ist zudem eine Erinnerung an die 60er und 70er Jahre, in denen nicht jeder ein Smartphone besaß und das Wort Computer nicht einmal ansatzweise bekannt war. Ein Roman der den Leser mitreißt und gezielt an sein eigenes Heranwachsen zurückdenken lässt.

Daniel Boone Price ist der Ich-Erzähler des Romans und beschreibt unschuldig, naiv und tiefgehend, wie dieser letzte Sommer – in vielerlei Hinsicht der letzte – ihn herausfordert und dazu bringt sich Gedanken um die Zukunft zu machen. Am Anfang des Romans begegnet man ihm in der Situation des Ringkämpfers. Er beschreibt wie er dabei ist, etwas Großes zu erreichen, doch seine Gefühle und seine Gedanken bringen ihn auf einen anderen Weg.
Absichtlich verliert er seinen letzten Kampf und weiß, dass er das nie wieder gut machen kann. Sein Weg führt in dieser Nacht in die Aberdeen Lane und dies verändert sein Leben. Als er Rachel und ihren Vater erblickt verliebt er sich augenblicklich in dieses ungewöhnliche Mädchen. Er versucht alles um ihr zufällig zu begegnen, bis er dann doch vor ihrem Haus steht.
Daniel bemerkt schnell, dass sie anders ist und genießt es heimlich mit ihr zusammen zu sein. Darüber spielt der Abschluss der High School nur noch eine Nebenrolle, denn ihm ist klar, mit wem er seine Zukunft verbringen will. So kommt es, dass er sich nach und nach immer mehr in diese Liebe hineinsteigert und seine besten Freunde Larry und Billy vernachlässigt. Man folgt gebannt und aufgewühlt, wie er Rachel seine Liebe gesteht und das Unbehagen ihrerseits ist selbst über die Seiten spürbar. Es scheint als trüge sie ein Geheimnis mit sich, dass sie gut vor Daniel versteckt.
Man erlebt mit, wie der junge Mann vor Sehnsucht vergeht und nachdem er einen Schritt vorwärts gekommen ist, wieder zwei zurückgehen muss. Rachel wirkt unnahbar und immer wieder entdeckt man neue Seiten an ihr, die es schaffen, dass man sich mal freut, dass Daniel eine Liebe findet, an anderer Stelle aber einen Hauch Unwohlsein ausstrahlt, sodass man ihn von ihr fernhalten will. Nicht nur die Liebe ist in diesem Sommer das was sich für Daniel verändert. Auch die Beziehung zu seinem herrischen und manchmal scheinbar verwirrten Vater verändert sich stark. Er entwickelt einer immer stärker werdende Abneigung gegenüber dem Mann und fühlt sich in seiner Nähe alles andere als wohl. Als dieser dann noch an Krebs erkrankt, ist Daniel froh, denn nun muss er ihn durch den Krankenhausaufenthalt nicht mehr täglich sehen. Aber auch diese Freude währt nicht lange. Alles stürzt auf Daniel ein, als er erfahren muss, wer David, Rachels angeblicher Vater, wirklich ist. Seine Liebe zerbricht, die Freundschaften mit seinen alten Kumpels sind vorbei und er merkt bedrückt, wie ähnlich er seinem Vater doch ist...

Lange steckt der Hauptprotagonist in einer Lethargie fest, die auch den Leser trübsinnig macht. Daher bin ich an einigen Stellen hängen geblieben und wusste nicht, ob ich es schaffen würde weiterzulesen. Irgendwann aber kam der Punkt an dem ich hoffte, dass er irgendwann aufwachen würde – was ihm schlussendlich auch gelingt.
Das Ende des Romans, sogar den konkreten Wortlaut des Schlusssatzes, kann man sich ab einem bestimmten Punkt denken – und erwartet ihn auch. Wäre das Ende nicht so gekommen, wäre ich als Leserin auch sehr enttäuscht gewesen.
Es ist spannend und berührend zugleich den Worten des Autors zu folgen. Oft schrieb er so, dass man glauben könnte, er selbst entwickelte die Geschichte erst während des Schreibens. Dadurch gibt es die verschiedensten Ansätze, die aber alle gut zueinander passen.

Dieses Buch ist nicht nur für Menschen, die selbst in der Zeit erwachsen geworden sind und sich den damaligen Fragen genauso gegenüber sahen. Es ist auch für jüngere Generationen, die vielleicht nicht mehr diese Leichtfüßigkeit kennen und auch noch nie der Frage gegenüberstanden wie es weitergeht – da schon alles vorausgeplant wurde. Eine verwirrende Sicht auf die Liebe mit an einigen Stellen überraschend tiefschürfenden Worten, die sich im Herzen festsetzen.
Die Fragen des Lebens werden in „Ein letzter Sommer“ nicht beantwortet, aber da sollte auch jeder seine eigenen Antworten zu finden.

Einzig die Szenen in denen Daniel anfängt Tagebücher aus Sicht der anderen Protagonisten zu schreiben, konnte mich nicht ganz erreichen. Sonst aber fühlt ich mich wohl und nachdem die kleinen Stolpersteinchen beseitig waren, glitt die Geschichte dahin wie ein Fluss.
Eine bestimmte Eigenschaft kann man Daniel Price nicht zuschreiben, denn wenn man in dem einem Moment denkt, dass er für sein Alter schon recht reif ist, denkt man im nächsten, dass er so naiv doch gar nicht sein kann. Genau dies aber macht das Erwachsenwerden aus – was Steve Tesich sehr gut rübergebracht hat. Denn in dieser Zeit stellt man wie Daniel alles in Frage und kann erst im Nachhinein sagen, welche Entscheidungen das Leben bereichert haben und welchen nicht.

Ein Buch wie eine Reise, mit Höhen und Tiefen, sanften und harten Worten zugleich und mit der Hoffnung, dass jeder irgendwann seinen Weg finden wird.


Cover/Titel:
Der Titel beschreibt an sich schon, um was es in der Geschichte geht, passt daher sehr gut. Das Cover dagegen verrät nicht viel mit dem Blick auf einen jungen Mann, der im Bett liegt und den Sonnenstrahlen entgegen blickt.

Der Autor:
Steve Tesich wurde 1942 in Jugoslawien geboren und kam im Alter von vierzehn Jahren nach Indiana/USA. Er studierte russische Literatur an den Universitäten von Indiana und Columbia und promovierte 1967. Er schrieb zahlreiche Stücke und Drehbücher, u.a. das mit einem Oscar ausgezeichnete Drehbuch für den Film Breaking Away und für Garp und wie er die Welt sah. Tesichs erster Roman Ein letzter Sommer erschien 2005 auf Deutsch bei Kein & Aber und war ein überwältigender Erfolg. Steve Tesich starb 1996 im Alter von 53 Jahren. 

Weitere Bücher:
  • Abspann (2008)
Quelle: Bilder und Vita von der Verlagshomepage.

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