Freitag, 3. Februar 2012

[Rezi] Anatomie einer Affäre

Autor: Anne Enright
Titel: Anatomie einer Affäre
Originaltitel: The Forgotten Waltz
Genre: Roman
Verlag: DVA (München)
Erscheinungsjahr: 2011
Seiten: 309 S.
ISBN:
978-3421045409

Rezension:
"... Wenn es dich nicht gegeben hätte, sagt er,..., und hebt mein Haar, um mich seitlich auf den Hals zu küssen.
Ich habe ihm das Leben gerettet.
Meine Mutter ist noch immer tot.
Der Schnee klagt nicht an, jedenfalls nicht übermäßig. Aber ich bin allein, und ich weiß nicht, für wie
lange. Im Internet gibt es nichts Neues. Der Fernseher dudelt weiter. Heute habe ich zwei Leute gefeuert, in Dundalk. Ich meine, ich musste sie entlassen. Ich sitze mit dem Telefon in der Hand vor meinem Lapop und frage mich, wie zum Teufel ich hierhergeraten bin. Und wo genau alles schiefgelaufen ist. Falls es schiefgelaufen ist. Was natürlich nicht stimmt. Nichts, und ich bin's müde, es zu sagen, ist schiefgelaufen."
(S. 212, ab Zeile 15 ff.)

Gina's Leben könnte schon fast perfekt sein: Sie hat einen Mann, ein Haus und einen guten Job. Sie genießt die ins Land ziehenden Tag, die Gespräche mit ihrer Familie, die Liebe zu ihrem Mann Conor.
Doch eines Tages trifft sie auf Sean. Sean der das komplette Gegenteil des Mannes ist, mit dem sie des Nachts das Bett teilt. Aber bei diesem ersten zufälligen Treffen wechseln sie nur Blicke und es dauert Jahre bis sie das erste Gespräch miteinander führen, aber danach ist Gina klar, sie liebt Sean. 
Sean aber ist ein Familienvater, mit einer attraktiven Frau und einer süßen Tochter, da wird er sich sicher nicht für sie interessieren - so denkt Gina und muss kurz darauf feststellen, dass auch er sich zu ihr hingeogen fühlt. Sie beginnen einen kleine Affäre, nur sporadig sehen sie sich und so kommt es Gina auch nicht wie ein Betrug gegenüber Conor vor. Mit den Jahren aber, sehen Sean und sie sich immer öfters - und dann platzt die Bombe. Die Affäre wird öffentlich und die heile Welt einiger Familien wird zerstört. Für Gina aber ist klar, für Sean würde sie alles aufgeben, doch was ist mit ihm?

Dieses Buch beschreibt eine Affäre, aber nicht auf die übliche Weise mit viel Leidenschaft und Sehnsucht, Leid und Neid. Hier spielt insbesondere der Alltag seine Rolle. Dieses Buch nämlich zeigt dem Leser, was aus einer anfänglich so geheimnissvollen und aufregenden Affäre werden kann: eben Alltag.
Es kann gut sein, dass sich einige Leser nicht ganz an den Schreibstil den Anne Enright für diesen Roman gewählt hat, gewöhnen. Die Geschichte läuft nicht einen üblichen Gang von Anfang bis Ende, sondern springt in der Zeit wahllos hin und her. An sich wird die Geschichte von Gina erzählt. aber in ihren Erzählungen gerät sie gerne einmal durcheinander. Textfetzen können vor Jahren beginnen oder auch gestern und werden wieder durcheinandern gemischt. Ich konnte dem dennoch gut folgen. Vieles dreht sich in der Geschichte um Sean und die Entstehung ihrer Affäre, aber auch Ginas Familie wird thematisiert, wie auch die Geschichte um Seans Tochter.
Was ich ganz ansprechend fand war, dass Gina den Leser an manchen Stellen mit einbezieht, Fragen stellt oder Aussagen tätigt, die sie an den Leser richtet.
Wer Erotik oder ähnliches dank des Titels erwartet, wird enttäuscht werden, denn mit solchen Ausschweifungen befasst sich Enright in diesem Buch nicht. Kleine Liebkosungen werden angedeutet, mehr aber nicht.
Zum Ende hin verschieben sich die Leben aller Beteiligten etwas und obwohl Gina ihren Sean dann hat, quälen sie Fragen und Zweifel und irgendwie wirkt sie nur halb glücklich. Daher wendet sie sich an seine Tochter und versucht sich mit ihr gu zu stellen, da sie sie als Quelle der Unruhe empfindet. Ab diesem Zeitpunkt, kurz vor Ende fand ich wurde die Geschichte noch etwas wirrer, lief vor und zurück und fing wieder an einer komplett anderen Stelle an.
Ein richtiges Ende gibt es in diesem Buch eigentlich nicht. So wie es nun mal ist, wenn sich der Alltag einstellt. Gina scheint sich mit dem zufriedenzugeben, was sie hat, auch wenn sie sich doch etwas anderes wünscht.
Ich hätte mir ein Ende gewünscht, an dem vielleicht eine richtige Entscheidung getroffen wird, oder sich etwas grundlegend verändert.
Trotz der Wirrungen in diesem Roman, ist er schön geschrieben, dringt in die Seelen der einzelnen Figuren und kratzt doch nur leicht an der Oberfläche. Man scheint die Personen zu kennen und entdeckt immer wieder neue Wesenszüge. Ein Roman, der trotz der fehlenden Leidenschaft berührt und jeden Leser seine Beziehungen und Partnerschaften noch einmal überdenken lässt.


Die Autorin:
Anne Enright wurde 1962 in Dublin geboren und lebt heute im irischen Bray, County Wicklow. Die vielfach ausgezeichnete Autorin zählt zu den bedeutendsten englischsprachigen Schriftstellern der Gegenwart. Ihr Roman „Das Familientreffen“ (DVA 2008) wurde unter anderem mit dem renommierten Booker-Preis belohnt, ist in gut dreißig Sprachen übersetzt und weltweit ein Bestseller. 


 Weitere Bücher:
  • Alles, was du wünschst (2009)
  • Das Familientreffen (2008)   

1 Kommentar:

  1. Schöne Rezi aber ein Buch für mich wäre das wohl nicht ;)
    Übrigens ist dein Blog echt schön - bin gerade darauf gestoßen. :)
    Würde mich sehr über einen Gegenbesuch freuen:
    http://meine-lesewelt.blogspot.com/
    Liebe Grüße, Selina

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