Montag, 19. Oktober 2015

[Rezi] #10/2015 - Aller Anfang fällt vom Himmel


"Wach auf, alter Mann, und lass uns eine Bank überfallen!"
(1. Satz)

Persönliche Zusammenfassung:
Die letzten Jahre hat Korbinian eingehüllt in seinen eigenen Kokon verbracht. Sein Leben läuft nach einem strikten Ablaufschema, von dem er niemals abweicht. Dies tut er aus Angst davor, den Schmerz zu spüren, welchen der Tod seiner geliebten Frau hinterlassen hat. Plötzlich aber scheint jeder in diesen Kokon dringen zu wollen: Seine Schwester, seine Nachbarn und eine fremde Obdachlose. Korbinians täglicher Ablauf wird durchbrochen – doch es scheint, als würden Veränderungen nicht nur schlechtes mit sich bringen...

Rezension/Meinung:
„Aller Anfang fällt vom Himmel“ ist ein wunderbarer Roman, der Leser und Betroffene an die Hand nimmt und aufzeigt, dass auch nach schrecklichen Verlusten das Leben weiter gehen kann und mitunter auch positive Veränderungen nach einer angemessenen Trauerzeit folgen können.

Mit Korbinian muss man erst einmal warm werden, da er ein mürrischer, älterer Mann ist, der sich allem Neuen verweigert. Er hat sich in seiner Routine eingefunden und scheint damit gut leben zu können. Glück und Freude hat er aber schon lange nicht mehr verspürt.
Als er eines Tages einer Obdachlosen etwas zu essen gibt, ist schnell klar, dass er sie nicht wieder los wird, denn sie verfolgt ihn nach Hause. Seine Panik und Abwehr tritt durch die geschriebenen Worte deutlich hervor. Aus seiner Not heraus ruft er seine Schwester um Hilfe, mit der er auch eher nur sporadischen Kontakt hat, doch sonst ist niemand da, den er kontaktieren kann. Seine Wohnung, mit Räumen, die er seit Jahren nicht mehr betreten hat und die bisher immer still war, ist plötzlich der Schauplatz verschiedenster ungewohnter Töne und Stimmen, die die stummen Wände durchdringen und das Leben anlocken.

Zu Anfang hat mich die Geschichte sehr an „Ein Mann namens Ove“ erinnert, in dem es auch um einen älteren Herren geht, der sich lieber zurück zieht, als am Leben teilzunehmen.
In der Geschichte von Veronika Peters gibt es auch viele lustige Szenen, aber der Unterton ist um einiges ernster. Mit ihren sanften Worten lockt sie den sturen Korbinian aus seinem Kokon, lässt ihm auf der anderen Seite durch die aufdringlichen anderen Protagonisten aber auch kaum die Wahl zu widersprechen. Zwar kann man immer wieder lesen, wie er versucht sich aufzubäumen, aber er lässt sich doch immer wieder einlullen und somit erkennen, dass das Leben doch weiter gehen kann.
Als ich die Geschichte so verfolgte, stellte ich mir den Hauptprotagonisten einige Jahre älter vor, als er wirklich ist, denn er ist gerade einmal 55 Jahre alt. Meiner Meinung nach noch kein Alter. Da aber Billa gerade einmal achtzehn wird, ist der Blickwinkel wahrscheinlich doch sehr passend.

Es finden sich in dem Buch Freundschaften, die sich schon jahrelang angedeutet haben und gleichzeitig ist es eine Familienzusammenführung. Aus einem verschlossenen Menschen wird plötzlich ein Macher, der sein Leben selbst in die Hand nimmt und jede zuvor schmerzliche Erinnerung auf seine eigene Art bewältigen kann.

Dieser Roman nimmt dem Leser und Betrachter die Angst vor Veränderungen und regt den ein oder anderen dazu an einmal zu überdenken ob es der richtige Weg ist sich zurück zu ziehen. Aber als Leser erkennt man auch die Ängste, die übrig bleiben, wenn man einen Menschen verliert, welche vielleicht von dem ein oder anderen nicht zu erkennen sind.

Der Schreibstil ist gut gewählt. Ist der Blickwinkel auf Korbinian gerichtet wirkt er oft steif und reif, eben dem Alter entsprechend; kommt Billa mit ihren Freunden zu Wort, wirken diese aufmüpfig und zum Teil auch sehr aggressiv. Trotz der entgegengesetzten Lebenseinstellungen nähern sich die beiden Parteien aber immer mehr an und man spürt eine Verbundenheit, die einem als Leser ein Lächeln auf die Lippen zaubert.
Entspannt kann man die Geschichte aber nicht lange lesen, denn sobald es etwas ruhiger zu werden scheint und Korbinian sich mit der Situation abfindet, passiert doch wieder etwas, dass die Stimmung kurzzeitig kippen lässt und irgendwann ist Flucht alles was Korbinian noch tun kann.

„Aller Anfang fällt vom Himmel“ ist eine wunderbare Erzählung, die den Leser schon von der ersten Seite an mit reißt. Man fühlt sich als schwimme man in einem See, der oft ruhig daliegt und einen sanft umgibt, welcher aber auch immer wieder Wellen aussendet, die einen hin und her werfen und den Halt verlieren lassen, bis das sichere Ufer immer näher kommt.

Bedrückend, aber voller verströmender Hoffnung, mit lustigen Momenten begleitet einen die Geschichte durch die Lesestunden und lässt einen glücklich und beruhigt zurück.

 Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Die Autorin:
Veronika Peters, geboren 1966 in Gießen, verbrachte ihre Kindheit in Deutschland und Afrika. Im Alter von fünfzehn Jahren verließ sie ihr Elternhaus, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin. Sie arbeitete in einem psychiatrischen Jugendheim, bis sie 1987 in ein Kloster eintrat, wo sie beinahe zwölf Jahre verbrachte. Veronika Peters ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt als freie Autorin in Berlin.

Weitere Bücher (Auswahl):

Quelle: Bild selbst gestaltet. Cover und Autorenbild von der Verlagshomepage.

 

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