Mittwoch, 25. September 2013

[Rezi] Ein Sommer aus Stahl

Autor: Silvia Avallone
Titel: Ein Sommer aus Stahl
Originaltitel: Acciaio
Genre: Roman
Verlag: Klett-Cotta (Stuttgart)
 Erscheinungsjahr: 2011
 Seiten: 415 S.
ISBN: 978-3-608-93898-2

"Die Gestalt in dem unscharfen Kreis des Glases bewegte sich kaum, ohne Kopf."
(1. Satz)

Persönliche Zusammenfassung: 
Anna und Francesca sind schon seit Kindertagen die besten Freundinnen. Nichts konnte sie bisher trennen und alles haben sie gemeinsam erlebt. In diesem Sommer aber verändert sich das Leben beider: Anna sucht die Freiheit und will Abenteuer erleben; Francesca stellt sich ihren Gefühlen und verliert ihre beste Freundin dadurch. Dieser Sommer ist ein Sommer voller Gefühlschaos, Familiengeschichten und dramatischen Wendungen. Ob die Freundschaft zwischen den beiden Mädchen das aushält?

Rezension/Meinung:
„Ein Sommer aus Stahl“ hat schon eine ganze Weile in meinem Regal verbracht, wurde immer hin und her geschoben und ich konnte mich nie wirklich dazu entschließen, es in die Hand zu nehmen. Durch meine Challenge blieb mir nun aber nichts anderes mehr übrig und nach Einstiegsschwierigkeiten, konnte ich mich der Geschichte positiv zuwenden.

Dieses Buch ist ein Zeugnis der Realität und des Lebens. Es geht hier nicht um die schönen Seiten Italiens, mit denen die Touristen angelockt werden sollen, sondern um das Arbeiterviertel der Via Stalingrado, einem Ort, der weder schön anzusehen ist, noch Berühmtheiten hervorbringt.
Hier leben Anna und Francesca, die von klein auf, im selben Haus aufgewachsen, die besten Freundinnen sind. Alles haben sie miteinander geteilt – auch jeglichen Schmerz. Beide Familien haben ihre eigenen Probleme und nur die beiden Mädchen lassen eine starke Verbindung entstehen.
Während Annas Vater gerne mal ohne ein Wort verschwindet und die Familie fast in den Ruin treibt, muss Francesca mit den regelmäßigen Wutausbrüchen ihres Vaters klar kommen und seine Schläge ertragen. Doch der Schmerz hat die beiden immer mehr zueinander halten lassen – bis zu diesem Sommer, um den sich die Geschichte dreht.
Francesca die immer unbefangen mit Anna umgehen konnte, bemerkt plötzlich, dass ihre Gefühle viel tiefer als Freundschaft gehen – Anna aber ist für so etwas nicht bereit.
Während man verfolgt, wie die Männer des Viertels in der anliegenden Stahlfabrik schwitzen und Annas Bruder den Hochofen „Afo 4“ betreibt, bemerkt man wie die Freundschaft der Mädchen immer mehr zerbricht. Waren die beiden hübschen und außergewöhnlichen Mädchen noch bis vor kurzem täglich am Strand und haben alle Blicke auf sich gezogen, verbringen sie plötzlich immer weniger Zeit miteinander, bis sich beide Leben komplett voneinander trennen und gegeneinander entwicheln. Wo die eine – viel zu jung – auf die schiefe Bahn gerät und ihren Körper der Männerwelt präsentiert, verliebt sich die andere in den Freund ihres Bruders und ihr Leben scheint schon verplant.
Erst als der Sommer sich dem Ende neigt, beide Familien in ihren Wohnungen immer mehr zerfallen, entsinnen sich die beiden Mädchen ihrer Freundschaft. Wie aber können sie nach einem ganze Sommer ohne einander, in dem jede für sich alleine erwachsen geworden ist, wieder zusammen finden?

Silvia Avallone beschreibt in ihrem Roman das einfache Leben – so wie es ist. Sie hält nichts von übertriebenen Worten und schmückt die Geschichte nicht unnötig aus.
Den Einstieg fand ich etwas gewöhnungsbedürftig, da es alles ein bisschen durcheinander wirkt. Die einzelnen Erzählungen über die Personen verschwimmen in diesem ersten Teil miteinander ohne dass man sie richtig fassen kann. Immer wieder bekommt man kleine Einblicke hingeworfen, kann aber nicht nach ihnen greifen, da sie gleich wieder verflogen sind.
Dies hat mich anfangs etwas abgelenkt und ich konnte mich nicht sofort voll auf die Geschichte konzentrieren.
Im Verlauf wird dies aber besser und die Abschnitte immer länger.
So bekommt man auch nach und nach ein gutes Bild der einzelnen Personen. Auf Anna und Francesca liegt das Hauptaugenmerk und die beiden Mädchen sind besser herausgearbeitet als die anderen Figuren. Doch werden auch diese, wie Annas Bruder oder die Väter kurzweilig intensiver beschrieben, aber es scheint dennoch als würde man nur an der Oberfläche dieser Personen kratzen.

Mit dem Ende des ersten Teils, ändert sich auch die Erzählweise und man bekommt von allem mehr mit. Die Geschichten scheinen nun jeweils eigenständig – zeigen erst nach einer Weile ihre Verbindungen und greifen ineinander wie Zahnräder.

Eine Geschichte die ehrlich ist und keine Beschönigungen nötig hat.
Eine Freundschaft, intensiv, berührend und voller Veränderungen.
Ein Roman, den man leben muss, wenn man die andere Seite Italiens einmal kennen lernen möchte, der klare Linien zieht und deren Strand nicht immer sauber und deren Familien nicht immer Verbündete sind.

Trotz der anfänglichen Bedenken hat sich dieses Buch zu einem wunderbaren Roman entwickelt, der fast alle Facetten des Lebens wiederspiegelt und eine Achterbahn der Gefühle, nicht nur in den Protagonisten, sondern auch in dem Leser auslöst.
Ein Roman der durch seine klaren Worte über Freundschaft, Liebe, Sehnsucht, Angst und Tod überzeugt. Ein Buch wie ein Leben, durch das man in wenigen Stunden zieht und das einen trotz allem Schrecken und Schmerz mit einem leichten Lächeln auf den Lippen zurücklässt.


Cover/Titel:
Das Cover scheint eine Momentaufnahme aus der Geschichte zu sein und spiegelt alles so wieder wie man es sich vorstellt. Der Titel bezieht sich u.a. auf die Stahlfabrik und die Erlebnisse in dieser, welche im Hintergrund des Covers durch "Afo 4" gezeigt wird.

Die Autorin:
Silvia Avallone, 1984 in Biella geboren, lebt in Bologna, wo sie Philosophie studiert hat. 

Weitere Bücher:
(bisher keine weiteren deutschen Veröffentlichungen)

Quelle: Bilder und Vita von der Verlagshomepage.

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